
Wenn man sich die Ziele der Skoliosebehandlung anschaut, dann kann man schon erahnen, das es nicht nur um die physische, also körperliche Behandlung geht, sondern mindestens im gleichen Maße um die psychische Behandlung.
Bei meinen Skoliotikern in Therapie und Training erlebe ich immer wieder, das sie psychische Störungen wie Ängste, Depressionen, Schlafstörungen, vermindertes Selbstwertgefühl, Grübeln, Trauer und sozialen Rückzug als Begleiterscheinungen angeben und auch in diesen Bereichen Unterstützung gebrauchen können.
Das bedeutet nicht automatisch, das jeder Mensch mit Skoliose eine Psychotherapie benötigt, denn Skoliose ist nicht gleich Skoliose und Mensch ist nicht gleich Mensch. Manche Menschen können sich gut auf das Hier und Jetzt einlassen, machen „das Beste“ aus der jeweiligen Situation und fühlen sich dadurch auch nicht eingeschränkt.
Aber wenn diese Resilienz, diese innere Stärke, die Ressourcen nicht sichtbar und greifbar sind, dann kann es nötig sein, sich professionelle Hilfe zu holen.
Hilfe annehmen ist Stärke!

Menschen mit einer Skoliose haben eine dreidimensionale Wirbelsäulenverkrümmung und sind nicht im Lot, nicht in ihrer Mitte, nicht aufgerichtet.
Allein diese 3 Begriffe Lot, Aufrichtung, Mitte zeigen uns, wie eng Physis und Psyche zusammenhängen.
Wenn ich nicht äußerlich in meiner Mitte, im Lot und aufgerichtet bin, wie kann ich dann innerlich in meiner Mitte und mit Rückgrat zu meiner Meinung stehen, mich behaupten, mich aufrichten und groß machen?
Wenn ich innerlich keine Hoffnung habe, mich klein fühle, nicht zu mir stehe, wie kann ich mich dann äußerlich aufrichten, mich groß machen, Rückgrat zeigen?
Innen und Außen bedingen sich immer!
Die Psyche hat Einfluss auf den Körper und der Körper hat Einfluss auf die Psyche!
Wenn wir nicht in unserer Mitte sind, muss der Körper mehr Arbeit leisten, es wird anstrengender für den Körper, die Muskeln ermüden, es entstehen Schmerzen, der Körper wird unflexibler, das Gleichgewicht wird mehr gefordert, der Körper ist weniger leistungsfähig, es kann zu flacher Atmung kommen u.a. Durch die Wirbelsäulenverkrümmung kann sich manchmal die Lunge nicht den Raum nehmen den sie braucht, um viel Luft einzuatmen und sich auszudehnen.
Wenn ich mir innerlich den Raum nicht nehmen kann, wie schaffe ich es dann im Außen?
Die Lebensqualität von Skoliotikern kann eingeschränkt sein durch:
Diese Einschränkung der Lebensqualität kann als psychischer Stress körperliche Schmerzen und Muskelspannungen verursachen, aber Schmerzen und Muskelspannungen können auch psychischen Stress verursachen.
Somit gelangen wir in einen Teufelskreis, der nicht einseitig betrachtet werden kann und darf!
Dieses erleben von ANDERS SEIN, macht was mit uns und es ist sehr wichtig, das dafür Raum ist.
"Du stehst voll krumm. Du hast schiefe Schultern. Lass die Schultern nicht so hängen. Du hast einen Beckenschiefstand. Dein ISG ist verschoben. Dein Kopf ist schief. Du hast da so einen Buckel. Du bist total steif in Deiner Brustwirbelsäule..."
Worte können verletzen, verunsichern, zerstören, entmutigen.
Du bist nicht Deine Skoliose.
Das ist nur ein Anteil von Dir, denn Du bist noch viel mehr.
Dein Alltag wird trotzdem von deiner Skoliose beeinflusst.
Der Körper wird analysiert, vermessen, beobachtet, bewertet, angefasst und alles wird von den Ärzten, Therapeuten und medizinischen Personal als selbstverständlich genommen.
Aber das ist nicht selbstverständlich, es ist nicht normal sich vor fremden Menschen auszuziehen, anschauen zu lassen, angefasst zu werden!
Einige Skoliotiker berichten mir davon, das sie es nicht ertragen, angefasst zu werden. Manchmal ist das Korsett am Anfang wie ein Gefängnis, in das der Körper eingesperrt wird.
Später wird das Korsett ein Schutzwall, ohne das sich die Betroffenen hilflos fühlen, regelrecht schutzlos und als Therapeut dringt man in das persönliche Reich desjenigen ein.
Die Betroffenen haben das Gefühl, das sie von anderen wegen des Korsett nicht gespürt werden können und müssen das Spüren und berührt werden später, nach dem Abtrainieren des Korsetts, erst wieder erlernen.
Über diese Gefühle, ihrer eigenen Erkrankung gegenüber, zu sprechen, sie zu kommunizieren, sich mitzuteilen ist oft nicht leicht, aber sehr wichtig.
Ganzheitliche Skoliosetherapie umfasst deshalb immer:
Skoliosen werden oft im Kindes – und Jugendalter erkannt und sehr gefördert, aber psychische Folgen einer Skoliose können bis ins Erwachsenenalter anhalten und werden oft übersehen oder nicht als so wichtig erkannt.
Das nicht Erkennen von psychischen Problemen kann im Erwachsenenalter zu Störungen im Körperbild, geringes Selbstbewusstsein, Beziehungsschwierigkeiten, sozialer Isolation, Depression, Angststörung, u.a. führen.
Alle Gefühle brauchen Raum und müssen gefühlt werden.
Wie fühlst Du Dich in und mit Deinem Körper?
Was empfindest Du, wenn Du gesagt bekommst Du bist schief, obwohl Du Dich gerade fühlst?
Was macht es mit Dir, gesagt zu bekommen Du bist nicht in Deiner Mitte?
Wieviel Vertrauen hast Du in Deinen Körper?
Wie fühlt sich die Unsicherheit in Deinem Körper an?
Wo fühlst Du die Wut in Deinem Körper, das ausgerechnet Du ein Korsett tragen musst?
Lerne Deinen Körper wieder wohlwollend, als Freund zu betrachten.
Hier ein Zitat von Katharina Schroth, der Erfinderin der Schroth Therapie, welches ich liebe, weil es genau auf den Punkt bringt was wichtig ist:
"Aufrichtung des äußeren Menschen wird erst dann gelingen, wenn es gelingt den inneren Menschen aufzurichten, ihm einen hoffnungsvollen Ausblick zu eröffnen, ihn aufatmen zu lassen."
"Lasse ich mich innerlich gehen und meinen Körper fehlerhaft hängen, so wächst der Körper ebenso fehlerhaft, denn meine innere Einstellung gibt dem äußeren Geschehen die Richtung"
Deshalb ist es mir als Physiotherapeutin, Schroth-Therapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie sehr wichtig, auf die psychischen Probleme bei einer Skoliose aufmerksam zu machen.
Sollten Sie das Gefühl haben, das dieser Bereich in ihrer Behandlung der Skoliose zu kurz kommt, dann suchen Sie sich Hilfe und Unterstützung bei Heilpraktiker für Psychotherapie, Psychotherapeuten, Psychologen oder wenden sich an ihren behandelnden Arzt oder Therapeuten.
Sie müssen da nicht alleine durch!
